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Eine stuermische Wanderung nach Niendorf

Eigentlich wollten wir heute mit dem Schiff nach Boltenhagen fahren, aber es hat sich gestern schon angekündigt, dass das eventuell schiefgehen kann. Gestern Abend hat sich die Ostsee mit ziemlichen Wellen schon von einer etwas anderen Seite gezeigt, ausserdem Windstärke so um 5. Ach ja, wir haben Vollmond, da steigt das Wasser sowieso, und dann kam jetzt noch der Sturm dazu.

Die Ausflugsboote hatten schon ihre liebe Mühe beim An- und Ablegen und schaukelten dann doch ganz schön. Bis 9.00 Uhr heute Morgen hat noch keines der Schiffe angelegt, und so gehen wir davon aus, dass wir wohl umdisponieren müssen.

Stirnband und Windjacke an und dann zu Fuß am Strand entlang zum Hafen von Niendorf. Was da in der Nacht so alles angeschwemmt wurde!!! Von dicken Holzplatten,  Quallen,  Seegras, Kinderspielzeug.

Angeschwemmte blaue Kinder-Schippe

Angeschwemmte blaue Kinder-Schippe

Echt witzig, schnell waren meine Schuhe klatschnass und die Hosen bis zu den Knien genauso.

Angeschwemmtes Sandkasten-Foermchen

Angeschwemmtes Sandkasten-Foermchen

In den quatschigen Schuhen ging es dann einfach weiter, und es machte unheimlich Spaß bei dem Sturm, inzwischen hatten wir Windstärke 6, in Böen sogar 7, am Meer zu wandern.

Unterwegs unterhielten wir uns mit einem Strandkorb-Verleiher, einem Rentner, der vor zwei Jahren die Strandkörbe übernommen hat. Er hoffte, dass es nicht noch anfangen würde zu regnen, da er seine Körbe in den nächsten Tagen noch trocken wieder ins Lager bringen wollte. Eigentlich viel zu früh, aber die Strandkorb-Saison dürfte wohl bald vorbei sein, auch wenn es an der Ostsee nun nochmal warm werden sollte.

Strandkörbe im Sturm

Strandkörbe im Sturm

Zwischendurch sahen wir auf dem Meer ein Segelboot, das von den Wellen umgehauen worden war. Der Segler hat sein Können wohl etwas sehr überschätzt. Ein kleines Motorboot der Seerettung mußte zur Hilfe eilen, um das Segelboot wieder aufzustellen. Dann liefen wir weiter am Strand entlang in Richtung Niendorfer Hafen. Unseren Rucksack, mit Brot für die Möwen, hatten wir ja dabei. Schon toll, wie wenig diesen Vögeln der Sturm ausmacht. Sie fingen die Brotstückchen trotzdem mit Leichtigkeit in der Luft.

Möwen-Fütterung im Sturm

Möwen-Fütterung im Sturm

Möwen-Fütterung

Möwen-Fütterung im Sturm

Kurz bevor man den Hafen erreicht, muss man allerdings noch ein kurzes Stückchen über die Strasse gehen, an der Evers-Werft vorbei (ich berichte noch) und kommt dann von oben in den Hafen.

Gleich rechts sitzt Onkel Charly, (Niendorfer Original) auf der Bank, der in den 30er Jahren den Urlaubern mit seinem Segelboot Ausflugsfahrten anbot. Der Holzbildhauer Wolfgang Gerdhagen hat ihm im Hafen ein Denkmal gesetzt, und ich habe mich mal mit Onkel Charly ablichten lassen.

Neben "Onkel Charly"

Neben "Onkel Charly"

Dann entdeckten wir mehrere Verkaufsstände mit “fangfrischem” Fisch. Gleich am ersten Stand ein älterer Fischer, (der letzte aus seiner Familie), der noch zwei tolle riesige, ganz frische Dorsche zum Verkauf anbot.  Solche Fische findet man bei uns überhaupt nicht in den Geschäften. Ein paar Stände weiter unterhielten wir uns dann länger mit einer “Fischersfrau” die ehemals aus Ostdeutschland stammt, aber nunmehr mit ihrer Familie in Niendorf lebt.

Sie erzählte uns, dass die Fischerei in Niendorf eine sehr lange Tradition hat. Nach Ende des zweiten Weltkrieges erfuhr die Niendorfer Fischerei mit 140 Fischkuttern (davon 15 Hochseekutter) einen nie gekannten Höhepunkt. 1951 verdienten rund 175 Menschen mit der Fischerei ihren Lebensunterhalt, wobei damals jährlich ca. 5.000 Tonnen Fisch angelandet wurden. Als Folge der Anfang der 90er Jahre eingeführten “EU-Fangquote”  landen heute ca. 20 Niendorfer Fischer jährlich nur noch ca. 100 Tonnen Fisch an: 60% Dorsch, 10% Hering, der Rest sind Plattfische, Sprotten, Aale, Lachs und anderer Beifang.

Die Fischersfrau erzählte, dass ihre Familie selbst zwei große Kutter hat, wobei nur noch die “Charlotte” rausfährt . Früher hatten sie 10 Leute, die mit auf dem Kutter waren, heute sind es nur noch ihr Mann und ein Lehrling. Wir waren neugierig und machten uns gleich auf die Suche nach der “Charlotte”, die kurz vorher reingekommen sein sollte. Nach einigem Suchen fanden wir sie. Ein ziemlich großer, alter Kutter, der wohl auch bald in die Werft muss.

Vor der Mittagspause setzten wir unsere Hafenbesichtigung noch fort, beobachteten einen Fischer

Fischer beim Reparieren eines Netzes

Fischer beim Reparieren eines Netzes

beim Reparieren der Netze,und betrachteten die vielen verschiedenen Fischerboote, Segelyachten und Ausflugsschiffe, sowie die Evers-Werft (von außen).

Fischernetze im Hafen von Niendorf

Fischernetze im Hafen von Niendorf

Auffallend dabei ist, dass die großen Fischkutter alle an der linken Seite des Hafens anlegen, die kleineren rechts und die Ausflugsschiffe hintereinander davor anlegen. Zu ihnen gehört auch eine schmucke Yacht, die ausschließlich zu Seebestattungen rausfährt. Die Seebestattungen nehmen, wie wir gehört haben, immer mehr zu.

Boote im Hafen

Boote im Hafen

Nun aber kurz zur Geschichte der Evers-Werft. Diese begann 1923, als der Bootsbauer Ernst Evers einen Teil des Hafengeländes pachtete und in einem Schuppen Holzboote reparierte. Durch Aufträge der Kriegsmarine wuchs der Betrieb an. 1942 wurden 14 Fischkutter und Ausflugsboote zu Küstenschutzbooten umgerüstet und mit je zwei Mann Besatzung ins Schwarze Meer geschickt.

Ende der 70er Jahre wurden das Gelände in eine moderne Marina mit 70 Liegeplätze, die Hallen in Lagerhallen für Sportboote umgebaut. Ebenfalls siedelten sich eine Segelschule und ein Spezialist für Bootsmotoren auf dem Gelände an. Heute werden im Wesentlichen Reparaturen ausgeführt.

Während der Sommermonate wird die große Halle für Veranstaltungen des Schleswig-Holstein Musikfestivals, das Hafenkonzert des NDR und diverse Hafenfeste verwendet.

Im heute noch existierenden “Alten Zollhaus”haben wir dann, da etwas durchgefroren und nass, einen leckeren Fischeintopf gegessen, bevor wir dann mit vielen neuen Eindrücken diesen pittoresken kleinen Hafen

Pittoresker Hafen von Niendorf

Pittoresker Hafen von Niendorf

verließen und den Heimweg per Bus antraten, denn es stürmte nun doch sehr. Inzwischen hatten wir, wie wir noch erfuhren, um Windstärke 8.

Auch an den Strand konnten wir nicht mehr, denn das Wasser hatte inzwischen fast die Strandkörbe erreicht. Aber egal, ein toller Urlaub ging zu Ende, wir mußten sowieso noch packen, und um 18.00 Uhr erwartete uns die Direktion zu einem Sektempfang in der Halle des Hotels. Anschließend ging es dann noch zum letzten “Urlaubs-Abendessen”, diesmal einem Asiatischen Spezialitäten-Buffet. Naja!

Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen, war ganz anders als sonst, richtig lila, ein Wetterwechsel deutete sich an.

Ein Wetterwechsel kündigt sich an

Ein Wetterwechsel kündigt sich an

Unsere Heimfahrt verlief ohne weitere Vorkommnisse. Abfahrt Timmendorfer Strand 9.15 Uhr, Ankunft in Kronberg im Taunus 15.00 Uhr, nach 680 km. Nicht schlecht, oder? :-)

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